Ausbildung im Predigerseminar

Rückblick

Wittenberg - die kleine Stadt und ihre große Geschichte haben die Arbeit des Predigerseminars geprägt. Im Jahr 1817, nur wenige Monate nachdem Wittenberg infolge der napoleonischen Kriege aus einer sächsischen zu einer preußischen Stadt geworden war, verfügte König Friedrich Wilhelm III. den Zusammenschluss der Universitäten Halle und Wittenberg. Damit wurden die Räume der alten Universität Wittenberg rund um den Lutherhof frei für eine neue Bestimmung.

Bereits im 17. und 18. Jahrhundert gab es Bemühungen die Vorbereitung zukünftiger Pfarrer auf ihre Praxisaufgaben zu verbessern. Das Wittenberger Seminar sollte zunächst besonders geeigneten Kandidaten der Theologie in einer zweijährigen Fortbildungszeit Gelegenheit zu wissenschaftlicher Vertiefung, religiöser Persönlichkeitsbildung und praktischen Übungen bieten. Erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde der - dann einjährige - Besuch eines Predigerseminars in der preußischen Kirche fester Bestandteil der Ausbildung aller Pfarrer. Das Wittenberger Seminar blieb dabei durch den Bezug auf die Stätten und das Erbe der Reformation, sowie durch pädagogische und sozial-diakonische Traditionen und Initiativen bestimmt.

Überblick

Nach dem Studium soll die Theologie praktisch werden. Für die angehenden Pfarrerinnen und Pfarrer sowie für die Gemeindepädagoginnen und Gemeindepädagogen, die ordiniert werden wollen, gibt es dazu eine zweite Ausbildungsphase. Nach dem akademische Studium an einer Universtät oder Hochschule folgt die praktische Ausbildung im Vikariat. Während dieser Zeit der mentorierten Tätigkeit in den Gemeinden finden im Predigerseminar Kurse statt. Die Begleitung durch das Predigerseminar erstreckt sich bis in das erste Jahr des eigenverantwortlichen Dienstes in einer Kirchengemeinde hinein. Ein Aufbaukurs bringt die Teilnehmerinnen und Teilnehmer zu intensivem Austausch und spezieller Fortbildung zusammen.

Im Predigerseminar wird die praktische Ausbildung durch Üben und Experimentieren, durch Reflektieren und Diskutieren unterstützt. Die Erfahrungen in den Gemeinden sind dabei ebenso im Blick wie neuere praktisch-theologische Entwürfe und kirchliche Positionen zu aktuellen Fragen. Die Ausbildung vollzieht sich in einer intensiven Arbeits- und Lebensgemeinschaft.

Gemeinsam mit den Kursteilnehmerinnen und -teilnehmern gestalten die Dozentinnen und Dozenten am Seminar ein Lehr- und Lernangebot, das an den Erfordernissen der Kirche und den Bedürfnissen der Vikarinnen und Vikare ausgerichtet ist. Eine besondere Chance der Ausbildung liegt in ihrem Perspektivenreichtum. Erfahrungen aus verschieden geprägten Landeskirchen, aus Stadt und Land, aus Ost und West, aus eher traditionell geprägten Gemeinden und aus neuen Gemeindeformen treffen aufeinander und können produktiv aufeinander bezogen werden. Dabei wird das Gespräch zwischen der Theologie und den Humanwissenschaften gepflegt. Auch die Zusammenarbeit mit den Kirchengemeinden der Stadt Wittenberg, dem Zentrum für Evangelische Predigtkultur und der Paul-Gerhardt-Stiftung als Einrichtung der Diakonie bereichern das Ausbildungsangebot.

Die Einführung in einen geistlichen Beruf braucht ein geistliches Fundament. In den täglichen Andachten und beim Mittagssingen besinnen sich Lernende und Lehrende gemeinsam auf den Grund, der trägt. Die Arbeits- und Lerngemeinschaft des Predigerseminars ist eine umfassende Erfahrung von Kirche und vollzieht sich im wechselseitigen Gespräch und der wechselseitigen Beratung und Tröstung der Brüder und Schwestern, gemäß der Stiftungsformel des Predigerseminars Wittenberg: "per mutuum colloquium et consolationem fratrum et sororum"

Die Ausbildung wird von mehreren ostdeutschen Landeskirchen gemeinsam verantwortet: Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO), Evangelische Kirche in Mitteldeutschland (EKM), Evangelisch-Lutherische Landeskirche Sachsens (EvLKS), Evangelische Landeskirche Anhalts. Das Seminar wird von der Union Evangelischer Kirchen (UEK) in der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) getragen.

Einblick

Die Ausbildungskurse im Predigerseminar verteilen sich über die Zeit des Vikariats und haben jeweils eigene thematische Schwerpunkte. Der Dekadenrhythmus ergibt sich aus der Konzentration auf den Gottesdienst, der in der Mitte einer jeden Dekade gemeinsam gefeiert und von den Vikaren vorbereitet und geleitet wird. Die Kurse werden durch die regionale Ausbildung in den Landeskirchen ergänzt. Themen wie Kinder- und Jugendarbeit, Kirchenrecht, Verwaltung und Diakonie haben dort ihren Platz. Für diesen Ausbildungsteil sind  die regionalen Studienleiter in den Landeskirchen verantwortlich. Sie  besuchen die Vikarinnen und Vikare auch in den Gemeinden vor Ort. 

Vier Handlungsfelder spielen in der Ausbildung am Predigerseminar eine wesentliche Rolle: Gottesdienst und Verkündigung, Bildung, Seelsorge und Leitung. In jedem Bereich geht es darum, die bereits erworbenen Kompetenzen weiter zu vertiefen und zu fördern. Übungen zu Gottesdienst und Predigt in der Schlosskirche gehören ebenso zum Programm wie Besuche in der Evangelischen Akademie und in einem Bestattungsinstitut.

Wichtig ist auch die Kirchenmusik. Die Vikarinnen und Vikare vertiefen ihre Fähigkeiten im liturgischen Singen und lernen verschiedene Formen gesungener Liturgie kennen. Das Anleiten von Liedern in Gruppen und die Beschäftigung mit zeitgenössischer Musik sowie mit ökumenischem Liedgut vervollständigen die Ausbildung.

In Rollenspielen und Fallbesprechungen, in Arbeitsgemeinschaften und Diskussionen werden die Erfahrungen der Vikarinnen und Vikare aus der Gemeindearbeit aufgenommen. Dabei stehen die Fragen nach dem Ort der Kirche und ihrer Mission in einer weitgehend säkularisierten Gesellschaft immer wieder im Mittelpunkt.


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Publikationsdatum dieser Seite: 29.08.2013 16:48